{"id":721,"date":"2012-07-22T19:51:09","date_gmt":"2012-07-22T17:51:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.betriebundgewerkschaft-bw.de\/?p=721"},"modified":"2012-07-22T19:51:09","modified_gmt":"2012-07-22T17:51:09","slug":"libor-skandal-banken-manipulierten-systematisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.betriebundgewerkschaft-bw.de\/?p=721","title":{"rendered":"LIBOR-Skandal: Banken manipulierten systematisch"},"content":{"rendered":"<p><strong>LIBOR-Skandal: Banken manipulierten systematisch<\/strong><\/p>\n<div>\n<div>\n<p><img src=\"http:\/\/medien.linksfraktion.de\/bilder\/7729120876.jpg\" alt=\"\" \/><em>Von Richard Pitterle<\/em><\/p>\n<p>Der LIBOR-Zinssatz ist \u00fcber Jahre manipuliert worden. Der LIBOR gilt als einer der wichtigsten Referenzzinss\u00e4tze auf den internationalen Kapitalm\u00e4rkten und ist Grundlage f\u00fcr die Berechnung der Zinsen von Krediten und Derivaten im Umfang von mehr als 500.000 Milliarden US-Dollar.<!--more--><\/p>\n<p>T\u00e4glich melden die wichtigsten international t\u00e4tigen Banken in London der British Bankers\u2019 Association (BBA), der Interessenvertretung der Banken in Gro\u00dfbritannien, zu welchen Zinss\u00e4tzen sie am Markt Gelder von anderen Banken aufnehmen beziehungsweise angeboten bekommen. Daraus ermittelt die BBA den LIBOR-Zinssatz (London Interbank Offered Rate) f\u00fcr zehn verschiedene W\u00e4hrungen und f\u00fcr verschiedene Laufzeiten der Anlagen bzw. Kredite (bis zu einem Jahr). Es sind also keine Marktzinss\u00e4tze aus tats\u00e4chlich durchgef\u00fchrten Gesch\u00e4ften, sondern lediglich Angebote der Banken an andere Banken! Die Nennungen der Banken werden nicht auf ihre Richtigkeit \u00fcberpr\u00fcft.<\/p>\n<p>Die systematischen Manipulationen des LIBOR sollen in dem Zeitraum von 2005 bis 2009 stattgefunden haben. Weltweit sollen 20 Banken beteiligt gewesen sein. Zum harten Kern sollen Mitarbeiter der Banken HSBC, Cr\u00e9dit Agricole, Soci\u00e9t\u00e9 G\u00e9n\u00e9rale und der Deutschen Bank z\u00e4hlen, die inzwischen suspendiert oder entlassen worden sind.<\/p>\n<p><strong>Finanzierungskosten verschleiert<\/strong><\/p>\n<p>Barclays hatte &#8211; als bisher einzige Bank &#8211; bereits ihre Manipulationen gestanden und sich mit den britischen und amerikanischen Finanzaufsichtsbeh\u00f6rden auf eine Strafe von 290 Millionen Pfund (367 Mio. Euro) geeinigt. Die Deutsche Bank hat in einigen L\u00e4ndern Kronzeugenstatus beantragt und erhalten und erwartet davon eine niedrigere Strafe.<\/p>\n<p>Mit der Manipulation konnten die beteiligten Banken ihre Finanzierungskosten verschleiern (stellten sich also in der Finanzkrise besser dar) &#8211; und nebenbei zus\u00e4tzliche Gewinne erwirtschaften. Die beteiligten Mitarbeiter in den Banken steigerten durch h\u00f6here Handelsgewinne ihre Boni.<\/p>\n<p>Den Schaden aufgrund der Manipulationen trugen Anleger und Banken: Anleger haben verloren, weil sie geringere Zinsen erhalten haben, die anderen Banken haben verloren, weil ihre Kreditnehmer zu niedrige Zinsen gezahlt haben.<\/p>\n<p>Nach neuesten Sch\u00e4tzungen k\u00f6nnte der <a id=\"_GPLITA_0\" title=\"Powered by Text-Enhance\" href=\"http:\/\/www.linksfraktion.de\/im-wortlaut\/libor-banken-manipulierten\/#\">Skandal<\/a> die gesamte Branche am Ende zwischen 20 und 40 Milliarden\u00a0Dollar kosten. Neben den Strafzahlungen drohen vor allem Sammelklagen von Anlegern und anderen Banken auf Schadensersatz. Der Schaden f\u00fcr die Weltwirtschaft soll sich auf rund 17,1 Milliarden Dollar (14 Mrd. Euro) belaufen.<\/p>\n<p>Doch steht man noch am Anfang der Untersuchungen: Derzeit ermitteln die Beh\u00f6rden in den USA, Kanada, Europa und Japan. Die deutsche Bankenaufsicht hat eine Sonderpr\u00fcfung bei der Deutschen Bank eingeleitet. Ergebnisse sind noch nicht bekannt. In den USA und Gro\u00dfbritannien befassen sich zudem Aussch\u00fcsse der Parlamente mit der Aufkl\u00e4rung. T\u00e4glich werden neue Informationen bekannt, die das Ausma\u00df der Manipulationen vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n<p><strong>Haben die Aufsichtsbeh\u00f6rden geschlafen?<\/strong><\/p>\n<p>Die Manipulation des LIBORs durch einige Banken ist allein schon ein Skandal.\u00a0Doch tragen nur die beteiligten Banken die Verantwortung? Haben die Aufsichtsbeh\u00f6rden (wieder) nichts gemerkt?<\/p>\n<ol>\n<ol>\n<li>Bereits im Juni 2008 hatte die US-amerikanische Notenbank (Federal Reserve Bank) die britische Bankenaufsicht und das britische Finanzministerium auf LIBOR-Manipulationen seit Herbst 2007 hingewiesen und zahlreiche Vorschl\u00e4ge f\u00fcr \u00c4nderungen unterbreitet. Bankenaufsicht und Regierung wussten also von den Manipulationen. Sie gingen aber nicht dagegen vor, sondern leiteten die erhaltenen Informationen nur an die BBA weiter. Auch die von der US-Notenbank vorgeschlagenen Verbesserungen lie\u00dfen sie weitestgehend unber\u00fccksichtigt.<\/li>\n<\/ol>\n<\/ol>\n<ol>\n<ol>\n<li>Auf dem H\u00f6hepunkt der Finanzkrise im Oktober 2008 rief der Vizechef der Bank of England (also der britischen Notenbank) Paul Tucker den damaligen Leiter des Investmentbankings (und sp\u00e4teren Chef) von Barclays Bob Diamond an. Barclays ist die zweitgr\u00f6\u00dfte Bank in Gro\u00dfbritannien. Die britische Notenbank wunderte sich \u00fcber die gemeldeten Zinss\u00e4tze von Barclays, die h\u00f6her lagen als die der anderen Banken. Nach den von Diamond jetzt ver\u00f6ffentlichten Gespr\u00e4chsnotizen dr\u00e4ngte Tucker auf Druck politischer Stellen Barclays dazu, einen niedrigeren LIBOR-Wert zu nennen, um an den Finanzm\u00e4rkten nicht f\u00fcr noch mehr Nervosit\u00e4t zu sorgen. Und so meldete Barclays danach niedrigere Zinss\u00e4tze. Den Inhalt des Telefonats bestreitet Tucker selbstverst\u00e4ndlich (Tucker will im n\u00e4chsten Jahr Nachfolger des derzeitigen Notenbankchefs Mervyn King werden.). Fest steht aber, dass seit Beginn der Finanzkrise die Bank of England immer wieder mit Barclays-Besch\u00e4ftigten \u00fcber den LIBOR gesprochen hatte und sie von ihnen darauf hingewiesen wurden, dass Barclays und andere Banken zu niedrige Zinss\u00e4tze meldeten.<\/li>\n<\/ol>\n<\/ol>\n<ol>\n<li>Au\u00dferdem wusste selbstverst\u00e4ndlich auch die Bank of England, dass &#8211; insbesondere zu Beginn der Finanzkrise &#8211; der Interbankenmarkt, auf dem sich die Banken refinanzieren, zusammengebrochen war und somit kaum Kredite zwischen den Banken vergeben wurden. Damit war ihr auch klar, dass den gemeldeten Zinss\u00e4tzen keine Gesch\u00e4fte zugrunde lagen und somit ohne Bezug zur Realit\u00e4t beliebige Zinss\u00e4tze genannt werden konnten.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Daher erscheint die von der Bank of England und der britischen Finanzmarktaufsicht (Financial Services Authority, FSA) behauptete Ahnungslosigkeit nicht \u00fcberzeugend. Es ist durchaus sehr nachvollziehbar, dass die britische Notenbank die Nennung zu niedriger Libor-Zinswerte wissentlich durchgehen lie\u00df, um die damals extrem nerv\u00f6sen Finanzm\u00e4rkte nicht weiter zu destabilisieren.<\/p>\n<p>Niedrige LIBOR-S\u00e4tze lagen aber nicht nur im Interesse der Bank of England. Der Finanzsektor ist die dominante Branche in Gro\u00dfbritanniens Volkswirtschaft, dessen Wanken jede britische Regierung in Panik geraten l\u00e4sst. Somit ging es auch um die Rettung des Finanzplatzes London, sodass auch die damalige Labour-Regierung \u00fcber das Stillhalten der Bank of England froh sein konnte oder es sogar forderte. Zus\u00e4tzliche Verwerfungen h\u00e4tten die Rettungskosten f\u00fcr die britischen Banken noch weiter in die H\u00f6he getrieben, die den britischen Staat bisher mehr als\u00a0eine Billion Pfund gekostet haben.<\/p>\n<p><strong>Banken wollen Skandal\u00a0herunterspielen und abwickeln<\/strong><br \/>\nAktuell versuchen einige der betroffenen Banken, mit den Regulierungsbeh\u00f6rden eine Gruppenl\u00f6sung zu vereinbaren, um eine \u00f6ffentliche Blo\u00dfstellung wie bei Barclays zu vermeiden, die aufgrund ihres Eingest\u00e4ndnisses im Mittelpunkt der Aff\u00e4re steht.<\/p>\n<p>Fazit: Banken haben sich \u2013 wie immer \u2013 bedient und die Aufsichtsbeh\u00f6rden haben \u2013 wie immer \u2013 zugeschaut beziehungsweise es sogar gebilligt.<\/p>\n<p>Inzwischen haben die Notenbanken akzeptiert, dass die Meldung von Zinss\u00e4tzen, zu denen eine Bank bereit ist, Gesch\u00e4fte abzuschlie\u00dfen, manipulationsanf\u00e4llig ist. Da helfen auch keine Strafandrohungen. Derzeit \u00fcberlegen die Notenbanken, grundlegende Reformen des LIBOR-Systems vorzunehmen. Doch es wird auch aktuell dar\u00fcber nachgedacht, den LIBOR abzuschaffen und andere Indizes zu Referenzzinss\u00e4tzen auszubauen.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens wird auch der EURIBOR (Euro Interbank Offered Rate), ebenfalls einer der wichtigsten Referenzzinss\u00e4tze auf den internationalen Kapitalm\u00e4rkten f\u00fcr Interbankengesch\u00e4fte in Euro, \u00fcber eine Befragung von Banken ermittelt. Hier bahnt sich inzwischen der n\u00e4chste Skandal an. Ein kleiner Kreis von H\u00e4ndlern soll ihn ebenfalls manipuliert haben. Durch konzertierte Aktionen gelang es ihnen in dem Zeitraum 2005 \u2013 2007 in zahllosen F\u00e4llen, den EURIBOR, der aus den Angaben von 43 Banken t\u00e4glich ermittelt wird, durch Meldungen \u2013 je nach zuvor eingegangenen Derivatepositionen (Zinsterminkontrakte) \u2013 zu niedriger oder zu hoher Zinss\u00e4tze um einen oder mehrere Basispunkte nach unten oder oben zu ziehen und so hohe Gewinne \u2013 und damit Boni \u2013 zu erzielen. Davon sollen allerdings ihre Vorgesetzten nichts gewusst haben.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.betriebundgewerkschaft-bw.de\/index.php?rest_route=wpv2posts721&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><img src=\"https:\/\/www.betriebundgewerkschaft-bw.de\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.betriebundgewerkschaft-bw.de\/index.php?rest_route=wpv2posts721&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><img src=\"https:\/\/www.betriebundgewerkschaft-bw.de\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>LIBOR-Skandal: Banken manipulierten systematisch Von Richard Pitterle Der LIBOR-Zinssatz ist \u00fcber Jahre manipuliert worden. 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