{"id":466,"date":"2012-02-25T16:16:13","date_gmt":"2012-02-25T14:16:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.betriebundgewerkschaft-bw.de\/?p=466"},"modified":"2012-02-26T16:04:12","modified_gmt":"2012-02-26T14:04:12","slug":"crowdsourcing-neues-kapitel-in-arbeitswelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.betriebundgewerkschaft-bw.de\/?p=466","title":{"rendered":"Crowdsourcing: Neues Kapitel in der Arbeitswelt: Kostensenkung durch Kannibalismus"},"content":{"rendered":"<p><em><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft\" src=\"http:\/\/www.karibikreisen.com\/img\/berichte\/bericht_35\/pic1.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"288\" \/>Presse: Kreiszeitung B\u00f6blinger Bote<\/em><br \/>\n<strong>Rollt nach der Outsourcing-Welle bald die Auslagerungswoge via Internet durch die Wirtschaft? &#8211; Rechtlich wird auch Neuland betreten<\/strong><br \/>\n<strong>Neu ist der Begriff des Crowdsourcing nicht. Aber wenigen bekannt. Als IBM j\u00fcngst aufhorchen lie\u00df, indem es dieses Modell f\u00fcr die Zukunft favorisierte und damit Tausende von Jobs in Frage stellte, wurde aus dem abstrakten Modell eine reale Bedrohung.<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Otto K\u00fchnle<\/em> <em>(K\u00fchnle ist der Chefredakteur des B\u00f6blinger Boten)<\/em><\/p>\n<p>KREIS B\u00d6BLINGEN. In den letzten beiden Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts geisterte ein Gespenst durch die B\u00fcros und Werkshallen: Outsourcing. Was bei der Kantine begann, musste bei Blechgeh\u00e4usen f\u00fcr Computer nicht enden. Ob Daimler oder HP: immer mehr Arbeiten bis hin zu Betriebsteilen, die nicht zur Kernkompetenz geh\u00f6rten, wurden in eigene Gesellschaften \u00fcberf\u00fchrt oder an andere Unternehmen verkauft. <!--more--><\/p>\n<p>Bestes Beispiel: BVS Blechtechnik, heute erfolgreiches Unternehmen, aus HP hervorgegangen. Doch neben erfolgreichen Modellen stand stets auch die Furcht vor schlechterer Bezahlung im Raum, wenn die Kantinenkr\u00e4fte beim Daimler nicht mehr nach dem Tarif der Bandarbeiter bezahlt wurden. Immerhin: Ein solcher Betriebs\u00fcbergang ist gesetzlich geregelt, es gilt ein Jahr das alte Gehaltsgef\u00fcge. Zumeist wechselte der Name des Arbeitgebers, doch der Dienstort blieb derselbe. Es gab wom\u00f6glich weniger Geld, etwas weniger Urlaub, aber Lohnfortzahlung und Sozialversicherungsbeitr\u00e4ge waren weiter gew\u00e4hrleistet, der Arbeitgeber mit im Boot.<\/p>\n<p>Schreiben sich Firmen nun statt Outsourcing aber Crowdsourcing auf die Fahnen als Gesch\u00e4ftsmodell, ist mit all dem vermutlich Schluss. Dann ist der frei flottierende Geist gefragt. Arbeitsauftr\u00e4ge werden via Internet ausgeschrieben, der &#8222;Schwarm&#8220;, die Masse, darf sich darauf st\u00fcrzen und versuchen, den Auftrag zu ergattern. &#8222;Fiat hat in Australien ein Auto komplett im Internet so entwickeln lassen, Tchibo arbeitet damit, die UN-Menschenrechtskonvention hat ein Logo ausgeschrieben&#8220;, wei\u00df Carmen Meola, Rechtsanw\u00e4ltin und Partnerin im B\u00f6blinger Anwaltshaus der Kanzlei Schobinger. Die ehemalige Gleichstellungsbeauftragte des Kreises ist heute vor allem im Arbeitsrecht aktiv und hat sich zum Thema Gedanken gemacht. Was nahe liegt, arbeitete sie doch zuvor bei HP. Allerdings gibt es bisher &#8222;keine Gerichtsurteile, was die arbeitsrechtliche Seite von Crowdsourcing angeht.&#8220;<\/p>\n<p>Doch genau dies k\u00f6nnte bald auf die Betriebsr\u00e4te zukommen. IBM will bis zu 8000 Jobs in Deutschland auf diese Weise \u00fcberfl\u00fcssig machen.<\/p>\n<p>&#8222;Rationalisierung wird von Arbeitsgerichten als Grund f\u00fcr betriebsbedingte K\u00fcndigungen problemlos anerkannt&#8220;, sieht die Rechtsanw\u00e4ltin hier kaum Chancen auf den Erhalt von Jobs via Gericht. Wer also seinen Job verliert, weil die Firma T\u00e4tigkeiten weltweit an die Crowd gibt, kann sich allenfalls als Selbst\u00e4ndiger um den Auftrag bem\u00fchen. Doch mit Urlaubsgeld, Sozialversicherungsbeitr\u00e4gen etc. ist nichts mehr. &#8222;Bei manchen Projekten bekommt jeder Teilnehmer einen Unkostenbeitrag, der nat\u00fcrlich die Kosten nicht deckt, manchmal erh\u00e4lt aber nur der Gewinner Geld&#8220;, wei\u00df die 41-j\u00e4hrige Juristin. &#8222;Freizeitarbeiter&#8220; nennt das Wikipedia-Lexikon die so Schaffenden. Wer sich so selbst\u00e4ndig macht, kann zun\u00e4chst auf Unterst\u00fctzung des Arbeitsamtes rechnen &#8211; die Verlagerung der Arbeiten nach au\u00dfen geschieht so also wom\u00f6glich auf Kosten der Sozialkassen.<\/p>\n<p><strong>Es gibt noch mehrere offene Fragen zu kl\u00e4ren<\/strong><\/p>\n<p>Das neue Modell der Arbeitsorganisation hat aber noch jede Menge Fu\u00dfangeln. Fragen des Datenschutzes wie der Verwertungs- und Nutzungsrechte sind ebenso zu kl\u00e4ren wie die der Verg\u00fctung f\u00fcr so erarbeitete Patente. Denn selbst f\u00fcr angestellte Mitarbeiter regelt das Arbeitnehmererfindungsgesetz, wie der Sch\u00f6pfer einer genialen Idee zu entsch\u00e4digen ist. &#8222;Da hat sich schon mancher ein Haus leisten k\u00f6nnen&#8220;, wei\u00df sie aus ihrer beruflichen T\u00e4tigkeit in der IT-Branche. Auch Fragen der Scheinselbstst\u00e4ndigkeit k\u00f6nnten bei den neuen Arbeitsformen eine Rolle spielen. Und zu kl\u00e4ren ist auch, inwieweit eine \u00dcberwachung der Arbeitszeit m\u00f6glich ist &#8211; die w\u00e4re dann mitbestimmungspflichtig, der Betriebsrat w\u00e4re wieder im Spiel.<\/p>\n<p>Auf jeden Fall sieht Meola eine neue Qualit\u00e4t in der Arbeitswelt. &#8222;Da sind viele hoch innovative Akademiker unterwegs.&#8220; Die m\u00fcssen dann noch nicht einmal ein B\u00fcro haben, k\u00f6nnen sich tageweise in Co-Working-R\u00e4umen einmieten, wo sie einen Schreibtisch samt Computer und Infrastruktur auf Zeit haben. Allerdings scheint Crowdsourcing auch Grenzen zu haben: Forschungsergebnisse wollen die Firmen doch nicht mit allen in einem offenen Raum teilen. Es scheinen also eher Standard-Aufgaben zu sein, die vergeben werden k\u00f6nnten. Und: &#8222;Es ist gar nicht so billig, eine Crowdsourcing-Plattform aufzubauen&#8220;, sch\u00e4tzt Meola. Ob sich dann der organisatorische Aufwand gegen\u00fcber angestellten Mitarbeitern als billiger erweist, muss sich erst zeigen. Doch &#8222;der Markt bestimmt den Preis&#8220;, kann sie sich auch vorstellen, dass dann eben ein Verfall einsetzt.<\/p>\n<p>Eines kann man aber heute schon mit Sicherheit sagen: Alleine die Ank\u00fcndigung des neuen Gesch\u00e4ftsmodells hat bei der IBM f\u00fcr viel Unruhe und Demotivation gesorgt. Auch wenn versichert wurde, dass es ein l\u00e4nger dauernder Prozess ist und keine raschen radikalen Einschnitte bei der Besch\u00e4ftigtenzahl vorgenommen werden sollen. Da sieht eben mancher statt neuer Chancen nur dunkle Wolken.<\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.betriebundgewerkschaft-bw.de\/index.php?rest_route=wpv2posts466&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><img src=\"https:\/\/www.betriebundgewerkschaft-bw.de\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.betriebundgewerkschaft-bw.de\/index.php?rest_route=wpv2posts466&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><img src=\"https:\/\/www.betriebundgewerkschaft-bw.de\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Presse: Kreiszeitung B\u00f6blinger Bote Rollt nach der Outsourcing-Welle bald die Auslagerungswoge via Internet durch die Wirtschaft? &#8211; Rechtlich wird auch Neuland betreten Neu ist der Begriff des Crowdsourcing nicht. 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