{"id":42,"date":"2010-07-05T12:11:38","date_gmt":"2010-07-05T10:11:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.betrieb-und-gewerkschaft.die-linke-bw.de\/?p=42"},"modified":"2011-08-15T11:12:16","modified_gmt":"2011-08-15T09:12:16","slug":"bericht-von-der-fachkonferenz-automobil-und-zulieferindustrie-3-7-2010","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.betriebundgewerkschaft-bw.de\/?p=42","title":{"rendered":"Bericht von der Fachkonferenz Automobil- und Zulieferindustrie am 3. Juli 2010 in Stuttgart"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ausfahrt Zukunft oder von einer Sackgasse in die n\u00e4chste?<\/strong><\/p>\n<p>So war die Konferenz der Landesarbeitsgruppe Betrieb und Gewerkschaft der LINKEN Baden-W\u00fcrttemberg benannt, die am 3. Juli in Stuttgart trotz des nachfolgenden WM-Spiels ein interessiertes Publikum aus allen Teilen Baden-W\u00fcrttembergs versammelte: Betriebsr\u00e4tInnen und Vertrauensleute von IG Metall, ver.di, GEW u.a., Interessierte an Umwelt- und Verkehrsfragen, der Bundestagsabgeordnete Richard Pitterle, Gemeinderats- und Regionalparlamentsmitglieder und Arbeitslose. Hasso Ehinger, fr\u00fcher Betriebsrat bei Bosch in Stuttgart-Feuerbach, und Dorothee Diehm, Gewerkschaftssekret\u00e4rin der IG Metall Freudenstadt, moderierten. Professor Dr. Reuss vom Forschungsinstitut f\u00fcr Kraftfahrwesen der Uni Stuttgart berichtete von den Initiativen zur F\u00f6rderung von Elektroautos auf Bundes- und Landesebene (Landesinitiative Elektromobilit\u00e4t, mit Beteiligung der Automobil- und Zulieferfirmen der Region). Er zerst\u00f6rte aber einige Illusionen \u00fcber den \u00f6kologischen Wert der Elektroautos, der davon bestimmt wird, wie der Strom erzeugt wird, und durch das Gewicht von Batterien beeintr\u00e4chtigt wird. Klar wurde auch, dass Elektroautos noch lange Zeit wesentlich teurer sein werden und mehr Energie verbrauchen werden als solche mit modernen Verbrennungsmotoren. Trotzdem forschen die Automobilhersteller Europas intensiv in diesem Bereich, um dem Vorwurf zu entgehen, sie w\u00fcrden wieder &#8211; anders als z.B. Toyota &#8211; Entwicklungen verschlafen.<\/p>\n<p>In der anschlie\u00dfenden Diskussion ging es um die beschr\u00e4nkten weltweiten Vorr\u00e4te an seltenen Elementen f\u00fcr den Batteriebau, um Sch\u00e4den durch Autoverkehr wie Unfallopfer und Abgase und Alternativen zum Auto wie \u00f6ffentliche Verkehrsmittel, Fahrr\u00c3\u0192\u00c2\u00a4der mit und ohne Motor und Carsharing. Ein Vertreter des VCD vermutete, dass kostenlose \u00f6ffentliche Verkehrsmittel immer noch ein Tabuthema sind, weil die Autokonzerne vor Konkurrenz gesch\u00e4tzt werden sollen. Hasso Ehinger wies auf die weltweit f\u00fchrende Rolle der deutschen Windenergieanlagen und die dadurch gesicherten Arbeitspl\u00e4tze hin.<!--more--><\/p>\n<p>Dr. Sabine Reiner vom Bereich Wirtschaftspolitik der ver.di-Zentrale setzte sich mit der Exportabh\u00e4ngigkeit der deutschen Wirtschaft, insbesondere der Automobil- und Zulieferindustrie, auseinander und wies auf die im Verh\u00e4ltnis zu Europa stagnierenden deutschen Lohneinkommen hin. Die exportierenden Konzerne sind nicht darauf angewiesen, ihre Produkte im Inland zu verkaufen, und k\u00f6nnen damit ungestraft die L\u00f6hne dr\u00fccken. Sie erw\u00e4hnte ein geplantes Audi-Werk in USA, das jetzt wegen des aktuell niedrigen Euro-Wechselkurses nicht gebaut wird. Es entspann sich eine angeregte Diskussion zwischen IGM- und ver.di-Gewerkschaftern mit ihren jeweils verschiedenen Sichtweisen, da Metaller beim Wegfall des Export\u00fcberschusses massenhaft um Arbeitspl\u00e4tze bangen w\u00fcrden. Dies betrifft nicht nur die Automobil- und Zulieferindustrie, sondern auch den Maschinenbau. In der Diskussion wurde auch darauf hingewiesen, dass in diesem Jahr die IG Metall auf die Aufstellung einer Lohnforderung in der Krise verzichtet hat und ver.di allein da stand. Von IGM-Seite wurde erkl\u00e4rt, f\u00fcr die Stammbelegschaften sei der Spielraum f\u00fcr Lohnerh\u00f6hungen immer ausgesch\u00f6pft worden. Die Durchschnittseinkommen der Metallarbeitnehmer in der Industrie (3500 \u20ac) seien trotz Stagnation immer noch die h\u00f6chsten in dieser Branche weltweit, z.B. um mindestens 700 \u20ac h\u00f6her als in der vergleichbar strukturierten Lombardei. Klar ist allerdings, dass die Stammbelegschaften immer weiter reduziert und teilweise durch LeiharbeitnehmerInnen und Werkvertr\u00e4ge mit Niedrigl\u00f6hnen ersetzt werden &#8211; so wurden soeben die Einschr\u00e4nkungen von Leiharbeit bei Daimler wieder gelockert.<\/p>\n<p>Betriebsr\u00e4te von Daimler wiesen darauf hin, dass sie erst letzten November einen heftigen Kampf gegen die Verlagerung der Produktion der C-Klasse nach USA gef\u00fchrt hatten und von den Automobilarbeitern nicht erwartet werden kann, dass sie aus volkswirtschaftlichen Gr\u00fcnden Verlagerungen von Fertigungen auf Kosten ihrer Arbeitspl\u00e4tze guthei\u00dfen. Die Konversion der Autoindustrie hin zu zukunftstr\u00e4chtigeren Produkten kann allein keine L\u00f6sung sein, da die M\u00e4rkte f\u00fcr S-Bahnwagen und Lokomotiven, Elektrofahrr\u00e4der, Medizintechnik und Energieerzeugung bereits besetzt sind und aktuell immer mehr Unternehmen auf diese M\u00e4rkte dr\u00e4ngen. \u00dcberdies erreichen in Bereichen wie der Solarenergieerzeugung (die meist in Ostdeutschland ans\u00e4ssig ist) die Durchschnittsl\u00f6hne nur einen Bruchteil eines normalen Metallfacharbeiterlohns. Sabine Reiner stellte abschlie\u00dfend klar, dass nicht der Export an sich problematisch ist, sondern der Export\u00fcberschuss<\/p>\n<p>Im letzten Teil stellten Uwe Meinhardt, Zweiter Bevollm\u00e4chtigter der IG Metall Stuttgart, und Martin Schwarz-Kocher vom IMU-Institut Stuttgart, erfahrener Berater von Firmen in Konkursgefahr und Engpass-Situationen, ihre Sicht des Automobilbereichs in der Region und die Abh\u00e4ngigkeit der gesamten Wirtschaft vom Auto dar. 10% der Besch\u00e4ftigten der Region arbeiten entweder bei Daimler, Porsche, Bosch oder ihren direkten Zulieferern. 80% der IG Metall-Mitglieder der Region Stuttgart sind im Automobil- und Zuliefererbereich t\u00e4tig. Zur Zeit sei f\u00fcr die IG Metall anders als erwartet das Hauptthema nicht der Kampf um Arbeitspl\u00e4tze, sondern um Arbeitsbedingungen, da in der Krise der Druck auf die Arbeitnehmer massiv gesteigert wurde. Es erscheint zur Zeit leichter, Arbeitnehmer in den Kampf um einen Lohnnachschlag zu rufen als gegen die Krisenfolgen.<\/p>\n<p>Martin Schwarz-Kocher bef\u00fcrchtet wegen unzureichender Kreditlinien der Banken noch eine Reihe von Insolvenzen im Maschinenbau trotz wieder anziehender Auftr\u00e4ge. Bis jetzt waren die Arbeitsplatzverluste in der gesamten Metallindustrie &#8211; abgesehen von den Leiharbeitnehmern &#8211; wesentlich geringer als zu Beginn der Krise erwartet. Nach Auslaufen der Standortvereinbarungen sei allerdings noch Grund zur Sorge um einen nachholender Belegschaftsabbau, denn nach wie vor gibt es massive \u00dcberkapazit\u00e4ten.<\/p>\n<p>In der Diskussion wurde als weiteres Element zur Sicherung der Besch\u00e4ftigung angesichts der Produktivit\u00e4tssteigerungen und der noch nicht \u00fcberwundenen Krisengefahr eine Arbeitszeitverk\u00fcrzung mit Lohnausgleich vorgeschlagen.<\/p>\n<p>Der Bundestagsabgeordnete Richard Pitterle aus B\u00f6blingen erkl\u00e4rte: &#8222;Im Moment suchen wir die Auswege in eine zukunftsf\u00e4hige Industriegesellschaft. Da muss eine gesellschaftliche Debatte her. Aber weder DIE LINKE noch die Gewerkschaften d\u00fcrfen dabei vergessen, die Interessen der arbeitenden und der arbeitslosen Menschen in den Mittelpunkt zu stellen.&#8220; Er fragte nach den M\u00f6glichkeiten der Solidarisierung der Arbeitnehmer mit den Arbeitslosen, denen nun die Kosten der Krise haupts\u00e4chlich aufgeb\u00fcrdet werden. Uwe Meinhardt wies auf die Angst der Besch\u00e4ftigten vor Hartz IV hin. Die IGM wird nach der Sommerpause gro\u00dfe Anstrengungen unternehmen, um betriebliche Protestaktionen im Oktober und Mitte November gro\u00dfe Demonstrationen aller DGB-Gewerkschaften und weiterer Organisationen und Bewegungen an mehreren Orten, auch in Stuttgart, m\u00f6glich zu machen.<\/p>\n<p>Eine erste Fortsetzung des Zukunftsdialogs, in den auch die Umweltbewegung st\u00e4rker einbezogen werden soll, findet in Stuttgart mit einer Konferenz der Rosa- Luxemburg-Stiftung und der Bundestagsfraktion vom 29. bis 31.10.2010 statt.<\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.betriebundgewerkschaft-bw.de\/index.php?rest_route=wpv2posts42&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><img src=\"https:\/\/www.betriebundgewerkschaft-bw.de\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.betriebundgewerkschaft-bw.de\/index.php?rest_route=wpv2posts42&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><img src=\"https:\/\/www.betriebundgewerkschaft-bw.de\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ausfahrt Zukunft oder von einer Sackgasse in die n\u00e4chste? 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