{"id":391,"date":"2012-02-09T18:53:35","date_gmt":"2012-02-09T16:53:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.betriebundgewerkschaft-bw.de\/?p=391"},"modified":"2012-02-09T18:53:35","modified_gmt":"2012-02-09T16:53:35","slug":"griechenland-lehrt-uns-was-heute-klassenkampfe-sind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.betriebundgewerkschaft-bw.de\/?p=391","title":{"rendered":"Griechenland lehrt uns, was heute Klassenk\u00e4mpfe sind"},"content":{"rendered":"<p><em>Harald Werner,<\/em> DIE LINKE. <em>Parteivorstand<\/em><\/p>\n<p>Um die M\u00e4rkte zu beruhigen und in den Genuss weiterer Milliardenhilfen zu gelangen, soll sich das Land nicht nur weiter in den \u00f6konomischen Kollaps sparen, sondern zum Beispiel die Lizenzen von Taxifahrern und Lkw-Spediteuren abschaffen. Wobei es nicht nur um berufsm\u00e4\u00dfig Auto fahrende Griechen geht, sondern um mehr als 100 Berufe, die auf die eine oder andere Weise der Marktregulierung entzogen sind. Taxifahrer und Lkw-Spediteure sind bei der \u00f6konomischen Dienstklasse von IWF, Ratingagenturen und EZB nur deshalb in Verruf geraten, weil sie sich als besonders renitent gegen\u00fcber den Marktkr\u00e4ften gezeigt haben.<!--more--> Es geht um eine simple Angelegenheit. Seit Generationen d\u00fcrfen griechische Taxifahrer oder Lkw-Spediteure ihr Gewerbe nur aus\u00fcben, wenn sie im Besitz einer Lizenz sind, die man f\u00fcr bares Geld von einem in den Ruhestand tretenden Berufskollegen erwirbt. Dabei geht es um einige Tausend Euro, die f\u00fcr die in Rente gehenden Berufskraftfahrer\u00a0 traditionsgem\u00e4\u00df die ansonsten fehlende Altersvorsorge ersetzt.<br \/>\nW\u00fcrden die Lizenzen abgeschafft und der Marktzugang f\u00fcr alle autofahrenden Griechen ge\u00f6ffnet, w\u00fcrden einige Zehntausend griechische Familien in die absolute Armut st\u00fcrzen. F\u00fcr sie g\u00e4be es keine Mindestrente, und Sozialhilfe gibt es im angeblich so arbeitsscheuen Griechenland ohnehin nicht. V\u00f6llig unklar, weshalb seit einigen Wochen die obersten Finanzaufseher des Internationalen W\u00e4hrungsfonds und der EU ausgerechnet die Liberalisierung von etwas mehr als 100 Berufen zur Kernforderung f\u00fcr den Nachweis griechischer \u201eReformbereitschaft\u201c erhoben haben. Aber vielleicht ist es auch gar nicht so unklar, sondern eher typisch.<br \/>\nIrrationale \u00c4ngste produzieren n\u00e4mlich auch irrationale Schutzma\u00dfnahmen. Realistisch betrachtet kann niemand erkl\u00e4ren, weshalb die Markt\u00f6ffnung f\u00fcr einige Dutzend Berufe die Griechen in die Lage versetzen soll, ihre immensen Staatsschulden zu begleichen. Denn tats\u00e4chlich haben die bisherigen \u201eReformbem\u00fchungen\u201c die Wirtschaft und damit die Zahlungsf\u00e4higkeit Griechenlands schrumpfen lassen. 60.000 Kleingewerbetreibende haben Insolvenz angemeldet, die Arbeitslosen nehmen ebenso zu wie die Obdachlosen auf den Stra\u00dfen und mit jeder neuen Ma\u00dfnahme sinkt die Chance der Verm\u00f6genden dieser Welt, dass sie ihre in griechischen Staatsanleihen oder Aktien steckenden Verm\u00f6gen je zur\u00fcckerhalten. Weshalb also diese irrsinnigen Forderungen?<br \/>\nDer Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer, lehrt uns Goya und die Wirklichkeit des Marktradikalismus best\u00e4tigt es. Die Unvernunft der Reichen dieser Erde, die wie die Blutsauger Unternehmen und ganze Volkswirtschaften zu Grunde richten, hat keinen anderen Grund, als dass sie nicht sehen, was sie anrichten. W\u00e4hrend der gute alte Klassenfeind immerhin noch sehen konnte, woher seine Rendite stammt, sind die Milliard\u00e4re dieser Welt mit Blindheit geschlagen. Daran \u00e4ndert sich auch dadurch nichts, dass einige wenige davon vom Saulus zum Paulus wurden. Und was ist mit den politischen Eliten, den europ\u00e4ischen Kommissaren und ihren Kommentatoren in den meinungsf\u00fchrenden Medien? Nichts anderes, auch sie sind mit Blindheit geschlagen, entweder als Nutznie\u00dfer dieser Unvernunft oder aus schlichter Dummheit. Der Glaube kann eben nicht nur Berge versetzen, sondern der Glaube an die Selbstheilungskraft der M\u00e4rkte kann diese auch zu Grunde richten.<br \/>\nNichts w\u00e4re in dieser Situation vern\u00fcnftiger, als nicht die griechischen Taxifahrer in die Armut zu treiben, sondern sich an jene Griechen zu halten, die in den vergangenen zwei Jahren 300 Milliarden au\u00dfer Landes brachten. Es w\u00e4re auch vern\u00fcnftig die griechischen Staatsschulden zu entwerten, damit dieses Land wieder lebensf\u00e4hig wird. Dagegen scheint die Ideologie des freien Marktes und der Heiligkeit des Privateigentums zu stehen. In Wahrheit stehen dem simple Klasseninteressen entgegen, die sich in den Mantel des launischen, unberechenbaren und nat\u00fcrlich unbeeinflussbaren Marktes h\u00fcllen. Es m\u00fcsste jemand aufstehen und schlicht sagen, dass der Kaiser nackt ist.<\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.betriebundgewerkschaft-bw.de\/index.php?rest_route=wpv2posts391&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><img src=\"https:\/\/www.betriebundgewerkschaft-bw.de\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.betriebundgewerkschaft-bw.de\/index.php?rest_route=wpv2posts391&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><img src=\"https:\/\/www.betriebundgewerkschaft-bw.de\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Harald Werner, DIE LINKE. 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