{"id":1281,"date":"2017-09-05T12:04:03","date_gmt":"2017-09-05T10:04:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.betriebundgewerkschaft-bw.de\/?p=1281"},"modified":"2017-09-05T12:04:03","modified_gmt":"2017-09-05T10:04:03","slug":"oxi-interview-mit-franz-steinkuehler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.betriebundgewerkschaft-bw.de\/?p=1281","title":{"rendered":"OXI-Interview mit Franz Steink\u00fchler"},"content":{"rendered":"<div style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/oxiblog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Steinku%CC%88hler-klein-290x290.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-large\" src=\"https:\/\/oxiblog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Steinku%CC%88hler-klein-290x290.jpg\" width=\"290\" height=\"290\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">(Foto IG Metall) Franz Steink\u00fchler war von 1986 bis 1993 Erster Vorsitzender der IG Metall. Anschlie\u00dfend arbeitete er einige Jahre als Unternehmensberater. Im Mai 2017 wurde Franz Steink\u00fchler 80 Jahre alt.<\/p><\/div>\n<h1 class=\"title\">Mehr Freiheit in der Arbeit<\/h1>\n<div class=\"interview-excerpt\">\n<p><strong>Der ehemalige IG-Metall-Vorsitzende Franz Steink\u00fchler im Gespr\u00e4ch \u00fcber entfremdete und vermeintlich selbstbestimmte Arbeit und die Frage, was gewerkschaftliche Solidarit\u00e4t unter heutigen Bedingungen hei\u00dfen k\u00f6nnte.<\/strong><\/p>\n<div class=\"baguetteBox\">\n<p><strong><em>Herr Steink\u00fchler, haben Sie eine Idee, wie Gewerkschaften erfolgreicher als bisher Solidarit\u00e4t organisieren k\u00f6nnen? Das Argument \u00fcberzeugt doch: Wir schlie\u00dfen uns in Gewerkschaften zusammen, um viel leichter beispielsweise h\u00f6here L\u00f6hne durchzusetzen. Jedoch: Die Zahl der Besch\u00e4ftigten ist mit mehr als 42 Millionen auf einem H\u00f6chststand. Die im DGB vereinten Gewerkschaften haben sechs Millionen Mitglieder, Tendenz sinkend, ein F\u00fcnftel im Rentnerstatus.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Franz Steink\u00fchler:<\/strong> Solidarit\u00e4t hat mit Quantit\u00e4t nichts zu tun. Auch Gewerkschaften mit wenigen Mitgliedern sind solidarische Organisationen. Solidarit\u00e4t ist ein Wert an sich. Und deshalb steckt in Ihrer Frage ein Denkfehler. Sie sagen, ich gehe in eine Gewerkschaft, weil mehr r\u00fcberkommt. Ich denke, f\u00fcr zehn Cent mehr Lohn geht niemand in eine Gewerkschaft. Solidarit\u00e4t ist eine Frage der Haltung.<\/p>\n<p><strong><em>Was ist ausschlaggebend f\u00fcr Solidarit\u00e4t, wenn nicht gemeinsame materielle Interessen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Solidarit\u00e4t ist Verbundensein mit anderen in \u00e4hnlicher Lage und mit \u00e4hnlichen Interessen. Deshalb kann Solidarit\u00e4t nur in der N\u00e4he entstehen. Man muss die anderen und deren Probleme kennen. So ist die heutige Produktionsweise kein N\u00e4hrboden f\u00fcr Solidarit\u00e4t, im Gegenteil. Denn sie verhindert N\u00e4he. Arbeit und Produktion sind zerst\u00fcckelt. Wenn wir beide am Flie\u00dfband sitzen w\u00fcrden, im 10-Sekunden-Takt irgendetwas tun, dann k\u00f6nnten wir nicht miteinander reden. Und mit dem Produkt, das wir mit anderen letztlich herstellen, h\u00e4tten wir auch nie etwas zu tun. Diese Erfahrung, an etwas Gemeinsamen zu arbeiten, die g\u00e4be es also auch nicht.<\/p>\n<p><strong><em>Dann verk\u00fcmmert dieses Empfinden.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Meine Erfahrung ist: Solidarit\u00e4t war immer da, auch urpl\u00f6tzlich, wenn viele Leute erkannt haben, das ist unser Interesse, diese konkrete Forderung eint uns. Aber Sie haben schon recht: Sie kann verk\u00fcmmern. Das hei\u00dft, man muss st\u00e4ndig etwas tun, um f\u00fcr Solidarit\u00e4t zu werben. Dazu geh\u00f6rt meines Erachtens der Hinweis, Solidarit\u00e4t ist ein gesellschaftliches Ereignis. Da gibt es einen Satz von Papst Franziskus: \u00bbH\u00fcten und Mehren des Privatbesitzes ist nur dadurch gerechtfertigt, dass es dem Gemeinwohl besser dient.\u00ab Ein wundersch\u00f6ner Satz, den ich gerne \u00f6fter h\u00f6ren w\u00fcrde. Dieser Satz dr\u00fcckt aus, worum es im Kern geht: Menschen m\u00fcssen ihre Abh\u00e4ngigkeit erkennen. Und aus dieser Erkenntnis gemeinsam handeln. Aber das muss man ihnen auch immer wieder sagen, sie auch in diesem Sinne fordern. Und unsere Wirtschafts-und Gesellschaftsordnung, der wir uns nicht entziehen k\u00f6nnen, ist ja nicht gerade solidarit\u00e4tsf\u00f6rdernd, sondern ichzentriert, egoistisch. Sie macht letztlich jeden zu jedermanns Wolf. So gesehen ist das, was Gewerkschaften leisten, nicht hoch genug einzusch\u00e4tzen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong><em>Muss ich Solidarit\u00e4t empfinden, um streiken zu k\u00f6nnen? Oder entsteht sie erst im Konflikt, beim Streiken?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Weder das eine noch das andere ist auszuschlie\u00dfen. Solidarit\u00e4t ist notwendig, um gemeinsam aktiv zu werden. Um aber Solidarit\u00e4t zu erzeugen, brauche ich zuvor Forderungen, von denen m\u00f6glichst viele \u00fcberzeugt sind. Bei einem der Arbeitsk\u00e4mpfe, die ich vor sehr langer Zeit gef\u00fchrt habe, haben wir sehr Unterschiedliches gefordert. Einen besonderen K\u00fcndigungsschutz f\u00fcr Besch\u00e4ftigte, die \u00e4lter als 53 Jahre sind. Das hat die Jungen nicht betroffen, aber sie erkannten, dass sie selbst auch alt werden. Springer-Regeln f\u00fcr die Flie\u00dfbandarbeiter. Das hat unsere Werkzeugmacher und Facharbeiter nicht betroffen. Aber viele wussten von ihren Frauen und T\u00f6chtern, wie hart eine solche Arbeit ist, bei den damals kurzen Taktzeiten, oft sind sie es auch heute noch. Denn oft standen und stehen auch Frauen am Flie\u00dfband. Viele sagten mir damals, Franz, diesen Streik k\u00f6nnten wir verlieren. Wir verzetteln uns, wo ist die gro\u00dfe Forderung, die saftige Lohnerh\u00f6hung, hinter der alle stehen k\u00f6nnen? Aber ich war \u00fcberzeugt: Die Jungen werden f\u00fcr die Alten einstehen, weil sie wissen, auch wir werden alt. Die Zeitarbeiter werden f\u00fcr die Flie\u00dfband- und Akkordarbeiter einstehen, weil sie sehen, wie die am Band schuften m\u00fcssen. Mit meinem Glauben an die Solidarit\u00e4t lag ich nicht falsch. Solidarit\u00e4t ist oft versch\u00fcttet. Aber sie ist vorhanden und kann schnell geweckt werden.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Die Gewerkschaften haben in den letzten Jahren der anderen Seite zu viel Spiel gelassen.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p><strong><em>K\u00f6nnen Gewerkschaften das Streiken verlernen? Ich erinnere mich nicht mehr daran, wann Ihre IG Metall zuletzt gestreikt hat.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ich gestehe zu, es kann einen Verlernprozess geben. Man verlernt Routinen, wie Streiks gef\u00fchrt werden. Und wenn man einen gro\u00dfen Arbeitskampf organisieren will, da geh\u00f6rt einiges an Erfahrung dazu, soll das nicht in die Hose gehen. Ich kenne viele Bevollm\u00e4chtigte der IG Metall, die noch keinen Streik mitgemacht haben. Das ist nun kein Aufruf, wie ein stehendes Heer st\u00e4ndig \u00dcbungen zu machen. Denn mit Streik spielt man nicht. Also: Gewerkschaften k\u00f6nnen das Streiken nicht verlernen, aber Routinen schon. Dass die IG Metall jederzeit streikf\u00e4hig ist, steht au\u00dfer Frage.<\/p>\n<p><strong><em>Was k\u00f6nnten denn heute sinnvolle Streikziele sein?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Alles, was Lohn und Arbeitsbedingungen betrifft und bei den Mitgliedern tragf\u00e4hig ist. Zurzeit fordert ja alle Welt die IG Metall auf, und andere Gewerkschaften auch, h\u00f6here L\u00f6hne abzuschlie\u00dfen, endlich einmal zuzulangen. Die Wirtschaftsweisen beispielsweise. Aber: Wenn die Gewerkschaften das dann auch tun, dann \u00e4ndert sich dieser \u00f6ffentliche Tenor schnell. Dann kommt wieder das alte Lied, die Gewerkschaften gef\u00e4hrdeten mit ihren Forderungen und Streiks Konjunktur und Arbeitspl\u00e4tze.<\/p>\n<p><strong><em>Dann m\u00fcssten die Gewerkschaften doch endlich ein, zwei Briketts nachlegen und f\u00fcr saftige Lohnerh\u00f6hungen streiken.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Da f\u00e4llt mir spontan kein Grund ein, der dagegen sprechen k\u00f6nnte. Aber es gibt noch andere wichtige Themen, die es wert sind, energisch angefasst zu werden. Ich denke an die Bedingungen, unter denen die Besch\u00e4ftigten ihre Arbeitskraft verkaufen. Die sind mindestens genauso wichtig wie die Lohnh\u00f6he. Wir Gewerkschaften treten ja nicht f\u00fcr die Befreiung von der Arbeit ein. Wir treten ein f\u00fcr mehr Freiheit in der Arbeit. Und die Arbeitsbedingungen sind ein bedeutsamer Gradmesser f\u00fcr diese Freiheit in der Arbeit, ob es mehr oder weniger von ihr gibt. Da haben die Gewerkschaften in den letzten Jahren, wie ich meine, der anderen Seite zu viel Spiel gelassen. Die Arbeit ist vielfach verdichtet worden. In vielen Betrieben sind die Taktzeiten wieder k\u00fcrzer als 1,5 Minuten, obwohl die Tarifvertr\u00e4ge anderes festlegen. Die tarifliche Arbeitszeit wird oft \u00fcberschritten. \u00dcberstunden werden nicht bezahlt. Geleistete Arbeit wird oft nicht registriert und festgehalten. Die Arbeitszeit der Menschen ist in der Regel Resultante unternehmerischer Planung und schert sich selten um die Bed\u00fcrfnisse der Arbeitnehmer. In der Summe m\u00fcssen wir festhalten, die Seite des Kapitals hat da doch sehr viel zur\u00fcckdrehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong><em>Geht es um eine neue Offensive der Humanisierung der Arbeit?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die IG Metall greift all diese Themen mit ihrer aktuellen Arbeitszeitdebatte auf. Sie fordert, die Arbeitszeit muss sich nach den Bed\u00fcrfnissen der Menschen richten und nicht umgekehrt, wie dies heute oft der Fall ist. Das ist genau der Punkt: Freiheit in der Arbeit erk\u00e4mpfen.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Die unertr\u00e4gliche Spreizung der Einkommen in der Gesellschaft kann nur noch politisch gel\u00f6st werden.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p><strong><em>Wir haben den Facharbeiter bei Porsche, Mitglied der IG Metall, mit einem sehr guten Monatsverdienst, einem Jahresbonus von bis zu 10.000 Euro. Wir haben die Verk\u00e4uferin oder Pflegekraft, Mitglied bei ver.di, mit 2.500 Euro im Monat, nat\u00fcrlich ohne Jahresbonus, plus im Zweifel schlechteren Arbeitsbedingungen. Wie entsteht da Solidarit\u00e4t?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Darauf gibt es keine einfache Antwort. Die Spreizung der Einkommen innerhalb der Arbeitnehmerschaft wird immer gr\u00f6\u00dfer. Viele Faktoren spielen da eine Rolle: Wie qualifiziert ist der Besch\u00e4ftigte? Wie ist die Nachfrage nach dieser Qualifikation? Wie hoch sch\u00e4tzt die Gesellschaft die jeweilige Arbeit ein, also die Pflege von Alten und das Bauen von Maschinen? Und: Wie kampfstark sind die Gewerkschaften, in jedem Betrieb und in der Gesellschaft? Vielen Faktoren k\u00f6nnen die Gewerkschaften mit ihrem tariflichen Besteckkasten nur schwer beikommen. Es gab ja Versuche, mit Sockelbetr\u00e4gen dagegen anzuk\u00e4mpfen, so dass bei Tarifabschl\u00fcssen die unteren Lohngruppen mehr erhielten als die oberen. Wir haben durchgesetzt, dass die sehr niedrigen Frauen-Lohngruppen abgeschafft worden sind. Meine Konsequenz: Diese Spreizung \u2013 ein Manager verdient oftmals das 50fache eines qualifizierten Facharbeiters, warum eigentlich \u2013 ist so absurd und skandal\u00f6s ungerecht geworden, dass dies endg\u00fcltig zu einem Thema der Gesellschaft geworden ist. Dieser unertr\u00e4gliche Zustand kann nur noch politisch gel\u00f6st werden. Eigentum und Einkommen haben der Gesellschaft zu dienen, sie d\u00fcrfen sie nicht zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p><strong><em>M\u00fcssten die Gewerkschaften das dann nicht noch lauter sagen: Wir k\u00f6nnen das nicht l\u00f6sen, das m\u00fcsst ihr machen, die Gesellschaft, die Politik?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Das kann man noch deutlicher machen: Das ist nicht unsere Verantwortung als Tarifpartei, das ist deine Verantwortung, liebe Politik. Allein schon deshalb, weil diejenigen, die heute wenig verdienen, die Unterst\u00fctzungsbed\u00fcrftigen von morgen sind, wenn sie alt sind. Heute sparen die Unternehmen sich an niedrigen L\u00f6hnen reich. Und morgen muss der Steuerzahler diejenigen st\u00fctzen, die wegen eines niedrigen Lohnes nur eine Armutsrente beziehen. Diese Fragen m\u00fcssen politisiert werden. In diesen Fragen muss polarisiert und mobilisiert werden.<\/p>\n<p><strong><em>Ist es ein Zeichen von Macht der Gewerkschaften, wenn sogar die Regierungsparteien CDU und CSU sich die Vollbesch\u00e4ftigung zum Ziel setzen? Oder ist das nur W\u00e4hlerfang?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ich bin sehr gl\u00fccklich zu lesen, dass auch die Union erkannt hat, es gibt noch keine Vollbesch\u00e4ftigung. Bisher schien es so: Die Wirtschaft brummt, und alles ist in Ordnung. Wenn es nur ein Wahlkampf-Gag w\u00e4re, dann liefe die Union ein gro\u00dfes Risiko. Denn Fakt ist: Wir haben noch Massenarbeitslosigkeit, je nach Z\u00e4hlweise zwischen 2,5 und vier Millionen Arbeitslose. \u00dcbrigens mit gro\u00dfen regionalen Unterschieden, im Norden viel mehr, im S\u00fcden erheblich weniger. Wir haben noch 4,5 Millionen Menschen, die Arbeitslosengeld beziehen. Viele Millionen leben an der Grenze zur Armut. Trotz einer seit Jahren florierenden Wirtschaft, das ist ja der eigentliche Skandal. Wir haben ja gen\u00fcgend Wohlstand f\u00fcr alle. Aber auch hier gilt: Die Gewerkschaften k\u00f6nnen dieses Problem tarifpolitisch nicht l\u00f6sen. Aber die Gewerkschaften m\u00fcssen das Bewusstsein dieser Gesellschaft daf\u00fcr wach halten. Die Finger in diese Wunde legen. Deshalb finde ich es gut, dass die CDU dieses Thema f\u00fcr sich markiert und reklamiert hat. Denn jetzt w\u00fcrde ich den Daumen da draufhalten. Und entsprechende Forderungen erheben. Ja, nat\u00fcrlich. Dieses Thema der Massenarbeitslosigkeit, der Armut in einer seit Jahren florierenden Wirtschaft, das darf am Ende des Wahlkampfes nicht wieder sanft entschlafen.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Dieses Wirtschaftssystem produziert immer wieder Krisen. Ich kenne kein Tarifinstrument, das dagegen helfen k\u00f6nnte.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p><strong><em>Was h\u00e4tten die Gewerkschaften tun k\u00f6nnen, um in Sachen Arbeitslosigkeit mehr Druck auszu\u00fcben?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Da darf ich zun\u00e4chst daran erinnern, dass es die Gewerkschaften waren, die in der letzten Krise von 2008\/2009 mit ihrem hohen Engagement und einem Paket aus tariflichen Ma\u00dfnahmen und politischen Forderungen verhindert haben, dass die Arbeitslosigkeit noch st\u00e4rker anstieg. Massenentlassungen wurden so verhindert. Dieses Wirtschaftssystem produziert in kurzen Zyklen immer wieder Krisen. Ich kenne kein Tarifinstrument, das dagegen helfen k\u00f6nnte. Es gibt jedoch ein Instrument, um die Entwicklung auf lange Sicht zu beeinflussen: Das ist die Ver\u00e4nderung der Arbeitszeit, vor allem deren Verk\u00fcrzung.<\/p>\n<p><em><strong>Zu Ihrer Zeit wurde, von der IG Metall betrieben, debattiert: M\u00fcssen aus Autokonzernen nicht Mobilit\u00e4tskonzerne werden? Die nicht nur Autos produzieren, sondern beispielsweise komplette Nahverkehrssysteme. Gewerkschaften debattierten damals also auch \u00fcber die Produkte: Welche Technik ist n\u00fctzlich? Ist das eine sinnvolle Form der Politisierung von Gewerkschaftsarbeit?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Eine schwierige Frage. Wir machten damals eine gro\u00dfe Automobilkonferenz, Anfang der 1990er Jahre. Wir redeten damals bereits von der Elektromobilit\u00e4t, vom Brennstoffzellenauto. Und damals haben wir in \u00dcbereinstimmung mit dem Automanagement davon geredet, dass nicht der Verkauf von Autos das Gesch\u00e4ftsmodell sein m\u00fcsste, sondern die Bereitstellung von Fahrleistung. Es ging um elektromagnetische Schleifen auf den Autobahnen, damit die Autos fahrerlos ohne Stau von A nach B fahren k\u00f6nnen. Der Grundgedanke: Fahrleistung bereitzustellen, m\u00f6glichst kreativ und \u00f6kologisch. Leider ist diese Diskussion wieder versandet.<\/p>\n<p><em><strong>Warum?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ein Grund war sicher: Wir hatten aus der Gesellschaft damals keinen gro\u00dfen R\u00fcckhalt bekommen. Es war eher eine Exotendiskussion. Und da die Branche mit dem Verkauf von Autos immer mehr Geld verdiente, wollten die gar nichts mehr \u00e4ndern. Das war schade, denn es waren richtige Ans\u00e4tze, wie man heute sieht.<\/p>\n<p><em><strong>Sollten die Gewerkschaften heute solche Produktdebatten f\u00fchren?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Es d\u00fcrfen keine falschen Hoffnungen geweckt werden. Deshalb die Erinnerung: Die Arbeitnehmer sind nicht im Besitz der Produktionsmittel, und sie sind auch nicht Inhaber der Verf\u00fcgungsgewalt \u00fcber sie. Damit haben sie keinen Hebel, um wirksam Einfluss auf die Produkte nehmen zu k\u00f6nnen. Und wenn man keinen Hebel hat, dann kommt man schnell in die Rolle des Bittstellers oder des Besserwissers. Trotzdem sage ich: Es ist das Recht der Arbeitnehmer, dar\u00fcber zu reden, es ist ihr gesellschaftliches Recht. Zum Beispiel \u00fcber die Frage, wie sinnvoll es ist, Raketen und Waffen aller Art zu produzieren. Wir hatten fr\u00fcher in der R\u00fcstungsindustrie sehr aktive Konversionsarbeitskreise. Und das hat in einigen Unternehmen tats\u00e4chlich zu neuen Produkten und Produktionen gef\u00fchrt. Aber auch hier m\u00fcssen die Gewerkschaften beachten: Sie sind daf\u00fcr nicht zust\u00e4ndig. Es ist die Aufgabe der Politik und der Gesellschaft dar\u00fcber zu entscheiden, welche Produkte sie f\u00fcr sinnvoll h\u00e4lt und welche nicht, welche Produkte sie f\u00f6rdert und welche vielleicht bewusst verteuert, weil die Produkte sch\u00e4dlich f\u00fcr die Gesellschaft sind.<\/p>\n<p><em><strong>Brauchen die Gewerkschaften heute politische Unterst\u00fctzung, um stark zu bleiben? In \u00d6sterreich gibt es Arbeiterkammern mit einer Pflichtmitgliedschaft. In Schweden haben die Gewerkschaften eine besondere St\u00e4rke, weil sie die Arbeitslosenversicherung verwalten.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ich bin geneigt, nein zu sagen. Beim Beispiel \u00d6sterreich allein deshalb, weil in den Arbeiterkammern die Besch\u00e4ftigen Zwangsmitglied sind. Bei uns sind alle freiwillig in der Gewerkschaft. Bei uns entscheidet jeder und jede jeden Tag, ob sie oder er Mitglied bleibt oder nicht. Stellt das Mitglied die Beitragszahlung ein, dann ist es drau\u00dfen. So einfach ist das. Das macht die Gewerkschaften auch so stark. Weil jeden Monat \u00fcber sie demokratisch abgestimmt wird. So erhalten Gewerkschaften auch st\u00e4ndig Signale, ob sie mit ihrer Politik noch richtig liegen oder nicht. Das soll so bleiben. Die St\u00e4rke der Gewerkschaft h\u00e4ngt unver\u00e4ndert von ihrer \u00dcberzeugungskraft ab. Von ihrer F\u00e4higkeit, Mehrheiten f\u00fcr Interessen zu organisieren, die Mehrheiten betreffen, und ihren t\u00e4glichen tausendfachen Kontakten im Betrieb \u00fcber ihre Betriebsr\u00e4te und Vertrauensleute.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Wenn die Gewerkschaften neue Arbeitszeitregeln durchsetzen w\u00fcrden, dann ver\u00e4nderte sich das Leben in dieser Gesellschaft.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p><em><strong>Es gab in den 1980er Jahren gro\u00dfe Kampagnen: den Kampf um die 35 Stunden-Woche, den um die Humanisierung der Arbeit. Das waren Projekte der Gewerkschaften, an denen konnten weder Gesellschaft noch Politik vorbei. Was k\u00f6nnte heute ein gro\u00dfes Projekt der Gewerkschaften sein, das bewegt und mobilisiert?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ich kann nicht voraussagen, wann die n\u00e4chste Idee die Massen erfasst. Oft fehlt nicht viel, nur eine Zuspitzung, eine sehr griffige Forderung oder ein Konflikt, schon schaltet alles vom Ruhe- in den Sturmmodus. Es gibt Zeiten, da denken viele Besch\u00e4ftigte, die Verh\u00e4ltnisse sind eben so, wir k\u00f6nnen sie doch nicht ver\u00e4ndern. Dann m\u00fcssen wir Gewerkschafter uns damit auseinandersetzen, sagen, wir k\u00f6nnen doch was machen. Da reicht nicht eine knackige \u00dcberschrift. Das muss buchst\u00e4blich erarbeitet werden. Mit denen, die anschlie\u00dfend eventuell streiken m\u00fcssen. Mein Eindruck: Aus der Arbeitszeitdebatte, die die IG Metall seit Monaten mit der Mitgliedschaft und den Funktion\u00e4ren auf breiter Ebene f\u00fchrt und wozu es in der kommenden Tarifrunde eventuell zu einer die Mehrheit einigenden Forderung kommt, k\u00f6nnte ein solches gro\u00dfes Projekt entstehen. Da bin ich sehr zuversichtlich.<\/p>\n<p><em><strong>Warum ist dieses Projekt f\u00fcr Sie besonders?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Wenn da was durchgesetzt werden w\u00fcrde, an neuen Arbeitszeiten, an neuen Regeln, dann ver\u00e4nderte sich das Leben in dieser Gesellschaft. Das Leben der Familien, die Rolle von Mann und Frau. Denn das Ziel dieser Offensive ist es, dass alle Besch\u00e4ftigten endlich \u00fcber ihre Arbeitszeit und deren Lage deutlich mehr selbst bestimmen k\u00f6nnen. Menschen sollen k\u00fcrzer arbeiten k\u00f6nnen, mit Lohnausgleich. Sie sollen ihre Arbeitszeit aber genauso selbstverst\u00e4ndlich wieder verl\u00e4ngern k\u00f6nnen. Je nach ihrer Lage: Familie, Kinder, Krankheit, Pflege f\u00fcr die Eltern, was auch immer. Auch ohne Zustimmung des Arbeitgebers. Das w\u00e4re ein so gewaltiger Fortschritt, eine so gro\u00dfe Ver\u00e4nderung, das rechtfertigt, dass die IG Metall alle Energie, die sie hat, in diese Auseinandersetzung steckt. Denn es geht um das entscheidende gro\u00dfe Thema der Gewerkschaften: die Freiheit in der Arbeit m\u00f6glichst gro\u00df machen. Mit dieser Auseinandersetzung, die auch ein Gro\u00dfkonflikt werden k\u00f6nnte, je nachdem wie stur sich die Kapitalseite stellt, w\u00fcrde endlich wieder deutlich: Arbeit ist ein gesellschaftliches Ereignis und nicht blo\u00df eines der Tarifpartner.<\/p>\n<p><em><strong>Gro\u00dfe Ver\u00e4nderung \u2013 bedeutet das zwangsl\u00e4ufig auch einen gro\u00dfen Konflikt, einen langen Streik?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Das muss nicht sein, aber man muss das einkalkulieren. Wichtig ist: Die Gewerkschaften erarbeiten aus ihrer Sicht klare Forderungen, die f\u00e4hig sind, die eigenen Leute zu mobilisieren. Das ist allein der Ma\u00dfstab, die Tragf\u00e4higkeit einer Forderung.<\/p>\n<blockquote><p>Es kann in dieser Wirtschaftsordnung, selbst wenn wir \u00fcber Produktionsmittel mitverf\u00fcgen, keine selbstbestimmte Arbeit geben.<\/p><\/blockquote>\n<p><em><strong>Technischen Fortschritt gab es immer. Es hei\u00dft nun: Vor allem wenn Digitalisierung, Roboterisierung und K\u00fcnstliche Intelligenz kombiniert werden, dann wird es in den kommenden zwei Jahrzehnten Produktivit\u00e4tssteigerungen geben, dass bis zu 50 Prozent der jetzigen Arbeitspl\u00e4tze wegfallen. Wo sehen Sie den Fortschritt in dieser Entwicklung?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Was genau kommt, wei\u00df niemand. Von der Katastrophe bis zum endg\u00fcltigen Heil, alles wird prognostiziert. Ich vermute: Arbeit wird noch mehr zerst\u00fcckelt werden. Und die Polarisierung wird zunehmen. Es werden viel mehr Besch\u00e4ftigte mit hoher Qualifikation gebraucht werden als heute. Und es wird Millionen Arbeitnehmer geben, die mit sehr geringqualifizierten Arbeiten oder mit nichts abgespeist werden sollen. Klar ist: Unter diesen Bedingungen wird Solidarit\u00e4t noch viel schwerer zu organisieren sein. Trotzdem: Fatalismus ist nicht angebracht. Denn technischer Fortschritt ist nie ein Bergrutsch, der alles unter sich begr\u00e4bt. Wer welche Arbeit macht, wie er sie macht und wie sie bezahlt wird, das ist die Folge von bewussten Entscheidungen der Unternehmer, der Politik und der Gesellschaft. Maschinen entlassen keine Menschen. Politik ist daf\u00fcr letztlich verantwortlich. Denn auch dieses Thema ist zu gro\u00df f\u00fcr die Tarifpartner. Die Gewerkschaften w\u00fcrden sich \u00fcberfordern, glaubten sie, anstelle der Gesellschaft diese Herausforderungen zusammen mit der Kapitalseite regeln zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em><strong>Ich w\u00fcsste nicht, wo und wie Politik und Gesellschaft sich nennenswert mit diesen Fragen besch\u00e4ftigen, vielleicht rhetorisch, aber praktisch gilt Nichteinmischung.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ich denke auch, die Gewerkschaften m\u00fcssen noch entschiedener und nachhaltiger darauf aufmerksam machen, dass die Politik f\u00fcr diese gro\u00dfe Entwicklung der Roboterisierung, der Digitalisierung und der K\u00fcnstlichen Intelligenz verantwortlich ist. Sie begn\u00fcgt sich bisher damit, das mit Steuermitteln zu f\u00f6rdern, was die Unternehmen sowieso planen und wollen. Mit diesen neuen Techniken, werden sie denn von den Unternehmen tats\u00e4chlich fl\u00e4chendeckend angewandt, wird ein enormer Produktivit\u00e4tsfortschritt einhergehen. Wem geh\u00f6rt der? Den Unternehmern allein? Es kann doch nicht sein, dass die Kapitalseite alle Gewinne einstreicht und Arbeitnehmerschaft und Steuerzahler die Verluste tragen. Diese Verteilungsfrage ist eine politische Frage und keine, die in Tarifk\u00e4mpfen alleine gel\u00f6st werden kann.<\/p>\n<p><em><strong>Was verstehen Sie unter entfremdeter Erwerbsarbeit?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Wenn ein Arbeitnehmer, um zu leben, f\u00fcr andere und mit deren Eigentum Waren oder Dienstleistungen produziert, die wiederum deren Eigentum bleiben. Das ist f\u00fcr mich entfremdete Arbeit. Damit geht einher, dass Arbeit, um die Produktivit\u00e4t zu steigern, bis zur Sinnentleerung zerst\u00fcckelt wird. Der Mensch mit seiner Kreativit\u00e4t und seinem sozialen Wesen verk\u00fcmmert dabei. Je arbeitsteiliger und zerst\u00fcckelter Arbeit ist, umso leichter ist der Besch\u00e4ftigte zu ersetzen, sein Wert sinkt, er ist austauschbar. Wer so arbeitet, verlernt es, in Zusammenh\u00e4ngen zu denken und ist damit auch politisch viel leichter beherrschbar, er verliert an Eigenst\u00e4ndigkeit. Das zeigt, wie sehr die Bedingungen der Arbeit nicht nur jeden einzelnen Menschen, sondern auch die Gesellschaft und die Politik pr\u00e4gen. Arbeit ist gesellschaftlich und damit hochpolitisch.<\/p>\n<p><em><strong>Was ist f\u00fcr Sie selbstbestimmte Arbeit? Ist die innerhalb des jetzigen Wirtschaftssystems \u00fcberhaupt machbar?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Es kann in dieser Wirtschaftsordnung, selbst wenn wir sie stark ver\u00e4ndern und wir \u00fcber Produktionsmittel mitverf\u00fcgen, keine selbstbestimmte Arbeit geben. Aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Arbeit nicht sinnentleert ist. Ich war mal Werkzeugmacher. Ich kann heute noch sagen, jedes Werkzeug hat mir Freude bereitet. Und von jedem Werkzeug, das ich angefertigt habe, habe ich heute noch die Stanzzeile. Der Sinnentleerung der Arbeit durch immer weitere Arbeitsteilung in kleinste Fertigungsschritte kann man begegnen. Sinnvolle und befriedigende Arbeit kann es auch in dieser Wirtschaftsordnung geben. Arbeit muss den Menschen fordern. Sie muss ihm erm\u00f6glichen, kreativ zu sein und darf ihn nicht zwingen, seine Gedanken w\u00e4hrend der Arbeit in Emigration zu schicken, um den Tag zu \u00fcberstehen.<\/p>\n<p><em><strong>Arbeitsteilung r\u00fcckg\u00e4ngig machen? Sie haben eben gesagt, das sei nicht mehr m\u00f6glich.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Besch\u00e4ftigte sollen an f\u00fcnf, sieben oder zehn verschiedenen Stellen arbeiten, so dass sie Abwechslung haben, auch einen Blick auf die gesamte Produktion bekommen. Dann m\u00fcssen sie ihren Geist anstrengen, k\u00f6nnen ihre Kreativit\u00e4t einbringen, sind gefordert und nicht unterfordert. Dann sind sie auch nicht so leicht austauschbar. Denn dann beherrschen sie viele Arbeitseinheiten, verf\u00fcgen \u00fcber eine gute Qualifikation und viel Erfahrung. So k\u00f6nnen wenigstens die extremen Seiten der Arbeitsteilung beseitigt werden.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.betriebundgewerkschaft-bw.de\/index.php?rest_route=wpv2posts1281&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><img src=\"https:\/\/www.betriebundgewerkschaft-bw.de\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.betriebundgewerkschaft-bw.de\/index.php?rest_route=wpv2posts1281&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><img src=\"https:\/\/www.betriebundgewerkschaft-bw.de\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mehr Freiheit in der Arbeit Der ehemalige IG-Metall-Vorsitzende Franz Steink\u00fchler im Gespr\u00e4ch \u00fcber entfremdete und vermeintlich selbstbestimmte Arbeit und die Frage, was gewerkschaftliche Solidarit\u00e4t unter heutigen Bedingungen hei\u00dfen k\u00f6nnte. 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