{"id":1182,"date":"2016-03-27T08:51:43","date_gmt":"2016-03-27T06:51:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.betriebundgewerkschaft-bw.de\/?p=1182"},"modified":"2016-03-27T08:53:08","modified_gmt":"2016-03-27T06:53:08","slug":"1182-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.betriebundgewerkschaft-bw.de\/?p=1182","title":{"rendered":"&#8222;Deutschland ist ein Einwanderungsland&#8220;"},"content":{"rendered":"<div class=\"cont_in\">\n<h3 class=\"kategorie\">Ergun L\u00fcmali, Betriebsratsvorsitzender von Daimler Sindelfingen<\/h3>\n<div class=\"vorspann\"><span class=\"kategorie_datum\"> <img loading=\"lazy\" class=\"alignleft\" src=\"https:\/\/www.igmetall.de\/int\/img\/Luemali.jpg\" alt=\"\" width=\"120\" height=\"120\" \/><\/span>Migration pr\u00e4gt die Vielfalt in Deutschland. Aus welchen Fehlern der Vergangenheit aber sollten Politik und Wirtschaft lernen und wie kann Integration besser gelingen? Dazu \u00e4u\u00dfert sich der Betriebsratsvorsitzende am Daimler-Standort Sindelfingen, Ergun L\u00fcmali, im Interview.<\/div>\n<div>\n<p><strong>Du bist 1970 als Siebenj\u00e4hriger mit Deinen Eltern nach Deutschland gekommen.\u00a0Wie hast Du Integration damals erlebt?<\/strong><\/p>\n<p>Ich musste mir alles hart erarbeiten. Dabei habe ich erfahren, dass man als Migrant doppelt so viel leisten muss, um positiv aufzufallen.<\/p>\n<div class=\"cont_in\"><\/div>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Das Diversity Management, also Chancengleichheit f\u00fcr alle Mitarbeiterm ist\u00a0bei\u00a0Daimler\u00a0inzwischen gut etabliert. Gleichwohl \u00e4ndern sich die Herausforderungen. Werden f\u00fcr neue Entwicklungen wie beispielsweise eine steigende Zahl an Fl\u00fcchtlingen neue Ans\u00e4tze ben\u00f6tigt?<\/strong><\/p>\n<p>Perspektivisch gehe ich davon aus. Denn mit Fragen wie der Duldung und dem Arbeitsmarktzugang f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge haben wir in der aktuellen Dimension noch keine Erfahrung gesammelt. Vor allem aber d\u00fcrfen wir die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen.<br class=\"empty-or-whitespace\" \/> <br class=\"empty-or-whitespace\" \/> <strong>Welche Fehler?<\/strong><\/p>\n<p>Die Fehler, die die erste Migranten-Generation in den 1960er Jahren ausbaden musste. Wir m\u00fcssen uns dieses Mal von Anfang an dar\u00fcber im Klaren sein, dass hier nicht nur Arbeitskr\u00e4fte kommen, sondern Menschen. Wir m\u00fcssen uns daher auch um ihre Integration k\u00fcmmern, etwa durch Sprachf\u00f6rderung, die Vermeidung von Ghettos und die Erziehung der Kinder.\u00a0Kinder mit einem nicht europ\u00e4isch klingenden Namen m\u00fcssen die gleichen Zugangschancen zu Ausbildungs- und Arbeitspl\u00e4tzen haben.<br class=\"empty-or-whitespace\" \/> <br class=\"empty-or-whitespace\" \/> <strong>Am Standort Sindelfingen arbeiten Menschen aus \u00fcber 80 Nationen. Wie wird Vielfalt dort gelebt? <\/strong><br class=\"empty-or-whitespace\" \/> In meinen Reden sage ich oft, dass\u00a0Sindelfingen ein sehr gutes Beispiel f\u00fcr die gelebte Vielfalt ist. Ich bin seit 36 Jahren im Unternehmen und heute Betriebsratsvorsitzender. Beim\u00a0Stadtfest in Sindelfingen\u00a0treffen sich unterschiedliche Besch\u00e4ftigtengruppen, um gemeinsam zu feiern. Sichtbar wird sie auch, wenn es um muslimische Feiertage geht und sich die Kolleginnen und Kollegen mit und ohne Migrationshintergrund \u00fcber Freischichten und Urlaub abstimmen. Nat\u00fcrlich gibt es auch bei uns hier und da Vorbehalte gegen Migranten und Migrantinnen. Mein Eindruck ist aber, dass die Vielfalt bei uns wesentlich verbindlicher und leichter gelebt wird als im Alltag au\u00dferhalb des Unternehmens.<br class=\"empty-or-whitespace\" \/> <br class=\"empty-or-whitespace\" \/> <strong>Kannst Du Dich als Migrant dem Thema Vielfalt leichter \u00f6ffnen als Deine Kolleginnen und Kollegen ohne Migrationshintergrund?<\/strong><\/p>\n<p>Im Gegenteil. Manchmal bleiben sie ganz entspannt, wenn ich bereits glaube, \u00fcber das eigentliche Ziel hinauszuschie\u00dfen. Ein Beispiel ist die Auswahl der Vertrauensleute. Da sich im Produktionsbereich \u00fcberproportional viele Menschen mit Migra tionshintergrund aktiv politisch bet\u00e4tigen, ist ihr Anteil unter den Vertrauensleuten sehr viel h\u00f6her als ihr Anteil an der Belegschaft. Meine Bedenken, dass die Vertretungsvollmacht darunter leiden k\u00f6nnte, teilen meine deutschst\u00e4mmigen Kollegen und Kolleginnen aber nicht.<\/p>\n<p><strong>Gibt es Vielfaltsthemen, denen der Betriebsrat mehr Aufmerksamkeit schenken k\u00f6nnte?<\/strong><\/p>\n<p>Ich bekomme Anfragen von homosexuellen Menschen, die beklagen, dass ihre Anliegen nicht die gleiche \u00d6ffentlichkeit erfahren wie die der Frauen und Migranten. Tats\u00e4chlich wurde sich diesem Thema in der Vergangenheit noch nicht so intensiv gewidmet wie den anderen.<br class=\"empty-or-whitespace\" \/> <br class=\"empty-or-whitespace\" \/> <strong>Welche Aufgabe f\u00e4llt der IG Metall beim Thema Vielfalt zu?<\/strong><\/p>\n<p>Die IG Metall spielt dabei eine ganz wichtige Rolle, da sie dieses Thema aufgrund ihrer St\u00e4rke auch auf eine partei- und gesellschaftspolitische Ebene heben kann. Ich wei\u00df, dass viele Migrantinnen und Migranten in der IG Metall einen Hafen sehen, der ihnen den Platz bietet, ihre Probleme und L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge einzubringen.<\/p>\n<p><strong>Welche Vielfaltsthemen haben aus migrationspolitischer Sicht f\u00fcr Dich die gr\u00f6\u00dfte Bedeutung?<\/strong><\/p>\n<p>Deutschland ist ein Einwanderungsland und braucht unabh\u00e4ngig von der aktuellen Situation angesichts der niedrigen Geburtenrate ein Einwanderungsgesetz und damit klare Regeln f\u00fcr die Zuwanderung von Fachkr\u00e4ften. Aber es bedarf noch sehr vieler Diskussionen, wie ein solches Gesetz aussehen muss. Wichtig ist, dass die Bev\u00f6lkerung es akzeptiert.<\/p>\n<p><strong>Welche weiteren Themen stehen ganz oben auf Deiner Agenda?<\/strong><\/p>\n<p>Die doppelte Staatb\u00fcrgerschaft. Als ich die deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft annahm, musste ich meinen t\u00fcrkischen Pass abgeben. Warum? Welchen Vorteil hat Deutschland davon, dass ich diesen Pass nicht mehr habe? Das ergibt keinen Sinn und ist \u00fcberhaupt nicht schl\u00fcssig. In Deutschland geborene Kinder t\u00fcrkischer Eltern d\u00fcrfen inzwischen ja beide P\u00e4sse besitzen. Und EU-B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger sowieso. Vor diesem Hintergrund sollte auch das Wahlrecht ge\u00e4ndert werden. Es m\u00fcssen auch die Menschen w\u00e4hlen k\u00f6nnen, die seit vielen Jahren in Deutschland arbeiten und leben, aber ihren ersten Pass nicht abgeben wollen. Sonst werden sie sich in diesem Land weniger engagieren. Aber genau das ist eine Voraussetzung f\u00fcr erfolgreiche Integration. Wenn wir hier nichts tun, dann d\u00fcrfen wir uns \u00fcber zunehmende Politikverdrossenheit nicht wundern.<\/p>\n<p><em>Ergun L\u00fcmali wurde 1962 in der T\u00fcrkei geboren und kam 1970 nach Deutschland. Schon seine Berufsausbildung zum Konstruktionsmechaniker absolvierte er im Werk Sindelfingen der Daimler AG. F\u00fcr die IG Metall engagierte er sich zun\u00e4chst als Vertrauensmann. 1994 wurde er in den Betriebsrat gew\u00e4hlt und 2014 zu dessen Vorsitzenden sowie zum stellvertretenden Vorsitzenden des Gesamtbetriebsrats. Seit 2010 ist er Vorstandsmitglied der IG Metall.<\/em><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.betriebundgewerkschaft-bw.de\/index.php?rest_route=wpv2posts1182&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><img src=\"https:\/\/www.betriebundgewerkschaft-bw.de\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.betriebundgewerkschaft-bw.de\/index.php?rest_route=wpv2posts1182&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><img src=\"https:\/\/www.betriebundgewerkschaft-bw.de\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ergun L\u00fcmali, Betriebsratsvorsitzender von Daimler Sindelfingen Migration pr\u00e4gt die Vielfalt in Deutschland. 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